Bloomsday in Dublin.

Donnerstag, den 16. Juni, war ich nach Dublin geflogen, mit Handgepäck, aber gut vorbereitet. Der 16. Juni ist der einzige Feiertag der Welt, der einem Roman gewidmet ist, dem Ulysses von James Joyce, und dieser Roman ist widerum der einzige, der in unvergleichlicher Empathie die inneren Erlebnisse zweier Männer an einem einzigen Tag abrollen lässt, des jungen Steven Daedalus und des „dirty old man“, Leopold Bloom.

Die Dubliner sind sich dieser Einzigartigkeit bewusst. Sie ziehen sich an, wie jeder bessere Dubliner sich am 16. Juni 1904 angezogen hätte, wo die Moderne schon spürbar war und der alten Weltordnung noch Referenz erwiesen wurde.

Es ist seltsam mit Romanen: Man muss sie oft lesen, da sie in jedem Lebensalter andere Botschaften, andere Inhalte offenbaren. Man kann den Ulysses mit 18 lesen, in der unvergleichlichen Arroganz des Nachwuchs-Bildungsbürgers, aber dann liest man andere Dinge heraus als mit 50.

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Mit 18 identifiziert man sich eher mit den freiumherschwirrenden, unbefriedigten Hormonen. Mit 50 weiß man Leopolds sinnliche Frühstücke mit Gorgonzola und Burgunder zu genießen. Kurioserweise war mein 16. Juni an einem Donnerstag, wie Leopold Blooms erster Bloomstag. Er beschwert sich im Roman, dass man an einem Donnerstag keine genießbaren Hammelnieren auftreiben kann, bloß Schweinsnieren. Immer diese Kompromisse.

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Aber wie man sieht, bin ich kein Einzelfall – Die Feiernden waren alle schon etwas angejahrt.

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Wer auf sich hält, trägt den Qualitäts-Hu (ohne t) und natürlich war vor Davy Byrne’s Pub die Hölle los: Drinnen darf man in Irland nicht mehr rauchen.
Aber sich bei Davy Byrne betrinken ist noch nicht alles: Man muss auch in die Irische Nationalbibliothek (wo Bloom für Molly einen neuen Groschenroman zu besorgen hatte)
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Die Nationalbibliothek ist wunderschön, hier die Kuppel des Lesesaales, aber das gehört sich schließlich für eine Nation, die fast ausschließlich aus Schriftstellern und Lesern besteht.

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In die Georgianische Architektur haben sich auch Neuerungen eingeschlichen, zum Beispiel der Mikro-Film-Saal.

Es gibt auch noch den guten alten Zettelkatalog! Oh, Du steinige Erinnerung an die mühsamen Jahre der Diplomarbeit, wo man lernen musste, einen Zettelkatalog zu durchschauen! Ich wette, es gibt in ganz Deutschland keinen mehr.

Ja, schreiben, fabulieren, erinnern, recherchieren – ganz wichtig. Dabei kommen leider zwangsläufig andere Künste in Verzug, zum Beispiel das Rechnen. Das Rechnen ist definitiv keine irische Stärke, wie man an den Wirtschaftszahlen sieht. Auf dem Weg zum Glasnevin – Friedhof, mit dem Autobus, 2 Stöckig wg. besserem Überblick, kommt man an vielen Häusern vorbei, wo „for sale“ draufsteht. Keine schönen Häuser, keine schönen Aussichten.

Wie wohltuend da der Ausblick auf Glasnevin Cemetery. Es nieselte stark, und ich war der einzige Besucher, aber als Leopold Bloom seinen Freund Dignam beerdigte, waren ja auch nicht allzuviele Trauergäste da.

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Aber allzu alleine ist man ja nie auf einem Friedhof. In Glasnevin sind 1,5 Millionen Iren begraben.

Ich mag die keltischen Bänder auf den irischen Grabsteinen. Sie haben keinen Anfang und kein Ende, ein tröstliches Bild für das Ende eines Menschenlebens. Und man kann endlos ihre Mäander verfolgen. Und dann versöhnt mit der Sterblichkeit wieder in die Stadt fahren.

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Der Bachelor Inn am Liffey-Ufer hatte eine sehr schön gedichtete Fassade „Der Mangel an Geld ist die Wurzel allen Übels“, sagt George Bernhard Shaw, eine weitere irische Dichter-Größe. Wie recht er doch hat angesichts der Euro-Krise. Aber der Bachelor Inn hatte leider keine Fish & Chips, wonach mir der Sinn stand.

Den gabs dann im King Edward, einem Pub in Temple Bar, unweit der Christ Church Cathedral.
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Die Sakral-Architektur ALLER britischen Inseln ist natürlich eine Wucht, auch wenn sich die Iren einen unbedingt anderen Weg zum Himmelreich ausbedungen haben als die Engländer. Ich nehme an, dass ihnen der Papst als religiöses Oberhaupt lieber war als die Könige von England, die ihnen ja immer all ihre tollen irischen Schriftsteller weggenommen haben, Oscar Wilde, GB Shaw, etc. Nur James Joyce konnten sie sich nicht einverleiben, den haben die Pariser Amerikanerinnen unter Vertrag genommen.

Zurück zu Davy Byrne.

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Hier Molly & Milly Bloom, rechts flankiert von Simon Dedalus. Molly fing gleich nach dem Foto an, irische Folksongs zu singen, es war herzergreifend. Aber ich musste ja noch weiter, nach Sandymount.
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Ja, Irland wird täglich vom wärmenden Golfstrom gewaschen, aber am 16. Juni konnten einem die Palmen von Sandymount schon leid tun. Dank Nieselregen fand sich leider auch niemand, mit dem man im Sand unanständige Sachen hätte machen können. Ich nahm mir zähneklappernd ein Taxi für den Rückweg und fragte den Fahrer, wann denn das Wetter etwas besser wird. „Nach den Sommerferien, im September, wenn die Kinder wieder in die Schule müssen, dann wird es sonniger.“

Zum Glück gibt es Davy Byrne’s Pub, und um 10.30  abends ists noch hell. Also ein letztes Guinnes. Mit einem literarischen Zeitgenossen.

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Er gewann mein Herz sofort, weil er mich begrüßte. „Hello Rainbow.“
Alleinreisende Damen sind nämlich immer etwas defizitär. So wie die Handelsbilanz von Irland. Irgendetwas fehlt. Man muss seine Fish & Chips alleine essen. Aber – viele Schulden sind auch ein Kapital, das haben wir von Irland und Griechenland gelernt. Weil wenn man defizite hat, kümmern sich die anderen ganz doll um einen.

Und natürlich war ich für Irland viel zu bunt angezogen, das mit dem Rainbow war schon berechtigt. Aber erst anderntags auf der Flughafentoilette konnte ich mich von meinem Rainbowartigen Zustand überzeugen. Mit Handgepäck zwischen den Knöcheln.

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