Das Blind Date

Manchmal bin ich dermaßen entsetzt über mich, ich kann es kaum beschreiben. Vorgestern war Publizisten-Heuriger, und da werd ich mit Sicherheit nie mehr eingeladen. Erst hab ich mich betrunken, weil überall Wein herumstand, dann hab ich mich in Gespräche eingemischt, weil sich überall Leute unterhalten haben und dann hab ich der Frau Studienleiterin den Topfenstrudel weggegessen. Schlechter kann man sich in Minimalzeit nicht benehmen. Und am anderen Tag hab ich eine Verabredung gehabt, die war schon Wochen vorher ausgemacht. Und zwar mit jemandem, den ich schon vor Jahr und Tag jämmerlich versetzt habe. Ich hab extra einen Baby-Sitter engagiert, damit ich nicht plötzlich aufstürzen muss – in den schönsten Verabredungen hab ich schon aufspringen müssen, weil das schlechte Gewissen zuschlug. Manchmal ist es natürlich auch praktisch, wenn man Mutter ist, weil manchmal will man ja auf und davon.
Ich bin also mit Baby-Sitter als unsichtbarem Adjudanten bewaffnet zu meinem Blind Date gegangen und mir war furchtbar zumute. So ein Publizisten-Heuriger untergräbt die Moral. Ich hab mich in eine Ecke gesetzt und drei oder vier einzelne Herren angestarrt, die mein Blind Date sein könnten. Sie tranken Bier und sahen unglücklich aus. Dazu hat eine lateinamerikanische Band gespielt, entsetzlichst, in einem Café, wo man sonst nur Uni-Intrigen belauscht oder anderes Liebesgeflüster.

Ab und zu sah ein Herr mißmutig zu mir her. Wenn ich sein Blind Date gewesen wäre, wäre er mindestens so desinteressiert wie ich. Es ist ein schreckliches Geschäft, Blind Dates zu haben, vor allem, wenn man tatsächlich blind ist und 4 Dioptrin hat und in verrauchten Cafés nur das Schlimme sieht, und nicht das Gute.

Ich hab dann Bunte Illustrierte gelesen und war heilfroh, dass keiner an den Tisch gekommen ist. Ich hätte alles abgestritten, meinen Vornamen, meinen Nachnamen, den Vornamen meiner Mutter, den Vornamen meiner Großmutter, sogar den Vornamen von Tatjana Gsell. Oder Caroline von Monaco.

Als ich heimkam, wollte ich fast ein ärgerliches Mail schreiben, dass ich versetzt worden bin, aber da war schon ein Mail eingetroffen, von jemandem, der alleine entsetzlichster lateinamerikanischer Live-Musik ausgesetzt war.

Soll ich aufgeben, mich zu verabreden? Wollte mir der Zufall etwas damit sagen, nämlich, dass er ernstzunehmen oder nicht ernstzunehmen sei? Es könnte beides bedeuten.

GZ hat mir seine Zweit-Karte für Forced Entertainment geschenkt, die hab ich jetzt als Ersatz ins Rennen geworfen. Ich könnte es noch einmal versuchen. Bislang hab ich keine Antwort. Vermutlich ist niemand an einer endlosen Fortführung dieser permanenten Mißgeschicke interessiert. GZ wollte natürlich wissen, wen ich mit ins Theater nehme, C oder B oder S. Ich hab gesagt, die Karte brauch ich für ein Blind Date. Genauer gesagt für mein Blind Date. Du, dass Du mir bitte den ORF da raushältst, meinte er entschieden. Blind Dates auf ORF-Kulturkontingent, das geht ja wohl wirklich nicht.

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