Das Epizentrum des deutschen Hedonismus …

… lag am vergangenen Wochenende genau in der geographischen Mitte des Landes, nämlich im Freimaurer-Saal zu Schloß Beesenstedt, bei Halle an der Saale. Sicher ist der Begriff „Deutscher Hedonismus“ ein Widerspruch in sich, das rührige, zuweilen verbissen fleißige Völkchen hat ja erhebliche Image-Defizite hinsichtlich Genuss und Savoir vivre. Doch Widersprüche machen die Sache bekanntlich erst spannend.

Schmusen, Trinken und Tanzen & uns mit allen möglichen Flüssigkeiten anpatzen. In der Pharmacy einkaufen (die ohne Mehrwertsteuer…) und dann alles der Sauna herausschwitzen. Der Freimaurer-Saal (Detail oben im Bild) war auch etwas vollgeräumt, da der Schlossherr gerade das gesamte Mobiliar des Ritz-Carlton Berlin erworben hatte, nebst bukolischen Ölgemälden und marmornen Pracht-Urnen. Das Ritz Carlton wird grade renoviert und in eine langweilige Designer-Funktionalität gebeamt, aber das stört uns weiter nicht.

Wenn nicht Esra fotografiert hätte, müsste ich Boris’s Party nur mit Worten beschreiben. Wer sich eine ungefähre Mischung aus dem Gastmahl des Trimalchio und Kubriks Eyes Wide Shut vorstellen kann (und außerdem noch irgendwann sein Sonntag-Mittag-Frühstück in Pillenform auf dem Dancefloor im Berghain zu sich genommen hat), der hat schon einen zarten Eindruck gewonnen. Nackte Harfenistinnen beim Mittagskonzert, eine Kakao-Zeremonie, ein „Nackt-in-Öl-Ineinandergleiten“ und 5 DJs sorgten für weiteres Wohlgefühl.

 

„Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reih‘ von guten Tagen“, sagte Oma immer, wenn sie Opa nach einem Gicht-Anfall zu Bett gebracht hatte. Also nahmen wir uns eine Auszeit, zogen die Wanderschuhe an und erklommen die Burg Wettin. Wie immer war es um das wummernde Epizentrum herum beunruhigend ruhig.

Es nieselte in der ostdeutschen Realität und alle wunderbar restaurierten mittelalterlichen Häuser Wettins standen zum Verkauf. Da muss man doch mal den Regierenden auf die Finger hauen – der Solidaritätszuschlag wurde wohl ausschließlich dafür verwendet, polnischen Maurern und Dachdeckern ein Ferienhaus auf Mallorca zu finanzieren. Die Sachsen-Anhalter haben nichts davon. Die Parks und Schlösser verfallen. Die mittelalterlichen Burgen sind verwaist. Wettin ist der Stammsitz des deutschen Adels, die Könige von Sachsen, Hannover und England sind Wettiner… (die Portugiesen und Polen haben auch auf die Wettiner gesetzt) … alles vergessen. Ein trauriges Café serviert Faßbrause.

Um Wettin herum war auch auch vor 130 Jahren eines der Epizentren sächsischen Unternehmertums, Chemische Industrie, Bergbau, Konsumgüterindustrie und Arbeitsplätze. Die haben das prima hingekriegt – vom Feudalismus zur Kreativwirtschaft des 19. Jahrhunderts. Und nun ? Tolle Autobahnen, sonst Tod & Teufel.

Ich fragte den Schlossherren, warum Beesenstedt weit und breit das einzig pulsierende, lebendige Fleckchen hier sei. Ja, viele Leute wollen hier etwas machen. Diese Kulturlandschaft erhalten. Geld verdienen. Aber das Finanzamt kommt ihnen immer wieder dazwischen. Die behandeln den Bio-Karotten-Bauern wie den Besitzer vom Ritz-Carlton, allein, der hat ja eine Phalanx von Steuerberatern und kann sich wehren. Wir fordern also eine Steuerfreie Zone für den Saale-Kreis. Ein Jersey. Oder Cayman Islands. Dann wird es schon !

PS: Einzig Esra hat Zeit zum Fotografieren gefunden, die oberen zwei Bilder sind von ihr. Mehr beautiful people im magischen Schloss gibt es auf Esra Rotthoffs Blog

 

 

 

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