Das Phänomen Stefanie Reinsperger.

Lieber Leser, stellen Sie sich mal vor, Sie fahren grade Straßenbahn. Vielleicht, weil Sommerschlussverkauf ist und Sie Lust haben, sich Mühlbauers drastisch reduzierte Strohhut-Kollektion anzuschauen. Und dann: Kurz vor Schottentor steht eine dicke Frau vor Ihnen auf, reißt sich die Kleider vom Leib, beginnt einzelne, nicht zusammenhängende Worte zu schreien, setzt sich wieder hin und reckt Ihnen breitbeinig ihre schwammigen Oberschenkel vor die Netzhaut.

Was tun ? Nun, Sie, ich und alle anderen werden jetzt beklommen und betreten aus dem Fenster schauen. Die Welt ist häßlich genug, wir brauchen nicht noch schwammige Oberschenkel. Schauen wir lieber auf die Währinger Straße.

Aber der Schauplatz ist nicht die Straßenbahn – da bekäme Frau Reinsperger ja nichts dafür bezahlt. Die schwammigen Oberschenkel gibt es seit einem Jahr  – unausweichlich – im Burgtheater, im Volkstheater und im Akademie-Theater. Ich geh ja eigentlich gern ins Theater, aber Frau Reinsperger treibt es mir langsam aus. Wo ich auch bin – Grillparzer, Hofmansthal, Jelinek, Bernhard, Schiller, Goethe – egal. Kein Stück, wo sich nicht unvermittelt eine dicke Frau einschleicht, die sich dann die Kleider vom Leib reißt, sich auf einen Stuhl setzt und schwammige Oberschenkel breitbeinig zum Besten gibt.

Wie sie es macht ist mir ein Rätsel – Frau Reinsperger ist wie ein Irrwisch. Um 19.38 Uhr reißt sie sich als Medea im Volkstheater die Kleider vom Leib, um 20. 30 Uhr dann im Burgtheater, nicht als Medea, sondern bei Jasmina Reza, und um 21.15 dann bei einem Ferdinand- Schmalz-Stück im Akademie-Theater.

Ich gebe zu: Wallensteins Lager, Onkel Wanja, Johanna der Schlachthöfe, Richard III – überall kann man eine dicke Frau unterbringen, die herumschreit und sich die Kleider vom Leib reißt. Frau Reinsperger kann noch über Jahre hinaus beschäftigt werden und wird der Arbeitslosen-Statistik nicht zur Last fallen. Und: Frau Reinsperger wird damit auch das sogenannte „Regie-Theater“ retten, denn Regie-Theater-Regisseure, die keine Idee haben, können immer Frau Reinsperger anrufen: „Steffi, komm doch bitte um 21.59 Uhr vorbei, reiß dir die Kleider vom Leib und brülle 16 mal Scheiße. Gibt auch gut Knete dafür. Und vergiß nicht – breitbeinige Oberschenkel!“

Der Wiener Markt dafür ist inzwischen abgegrast und Frau Reinsperger, die Termite unter den Schauspielerinnen, zieht nach Berlin weiter. Wir sind Hölle froh, dass jetzt nicht mehr wir, sondern die Berliner Theaterbesucher betreten und beklommen auf ihr Smartphone starren, weil Frau Reinsperger im Berliner Ensemble, im Deutschen Theater, im Gorki-Theater und in der Volksbühne gleichzeitig wirkt.

Aber es bleibt noch eine große Frage, ein quasi Hoffmansthalsches Mysterium: Frau Reinsperger war ja die Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen 2017, warum in aller Welt hat sie dort nicht das gemacht, was sie kann? Sich die Kleider vom Leib reißen, „Scheiße“ schreien und schwammige Oberschenkel auf dem Domplatz ausstellen?Jedermann wäre ergriffen und würde betreten auf sein Smartphone starren.

Heute hab ich eine Kollegin dazu befragt:

– warum in aller Welt hat sie sich nicht die Kleider vom …

Kollegin: – hat sie. Sie kann ja nix anderes.

Ich: – Und ?

Kollegin: – die Frau Rabl-Stadler, die Chefin, war auf der Probe und…

Ich: ???

Kollegin: ( macht Handbewegung. So flache rechte Hand, die horizontal über den Hals fährt. Henkers-Geste, you know)

Ich:  Ach so. Die Welt hat ja auch geschrieben, dass die brillante Schauspielerin Stefanie Reinsperger in einem atemberaubend häßlichem Kostüm steckte.

Kollegin: Das hat sie ja dringend nötig, wenn die Oberschenkel flach fallen. Sonst schreibt ja keiner.

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