Die Person, die es nicht gibt… Michael Schirner in Wien

Michael Schirner hörte ich das erste Mal in Berlin, das muss so 86 oder 87 gewesen sein, auf einem dieser wunderbaren Karl Hofer-Symposien, welche die HdK damals veranstaltete. Alle FBs öffneten ihre Ateliers und luden querbeet alles und jeden ein, und so kam auch Michael Schirner mit seinem Vortrag „Werbung ist Kunst“. Es lief mehr oder weniger darauf hinaus, dass er die sixtinische Kapelle mit diversen Werbespots und Anzeigen verglich, und von der Intention her, nämlich Heilserwartungsversprechen auf „Top of Mind“ zu setzen, kann man ihm sicher uneingeschränkt beipflichten.

Am 10. Jänner sprach er nun endlich einmal an der Angewandten in Wien, über seine Arbeiten, von der IBM – SchreIBMaschine über seine Jägermeister-Kampagne, über seine Denkweise und von der Aufhebung des Urheberrechtes. Die Studenten der „Klasse für Ideen“ wurden gebrieft: Mich gibt’s eigentlich gar nicht, was dann mit einer schönen Plakatidee elegant illustriert wurde. Was es gab, nämlich die Sartre-Brille des Sartririkers steht manifest im Mittelpunkt.

Der Meister verglich Äpfel mit Birnen (beides Rosaceae ) und propagierte in Kunst wie in Werbung das Verschwinden des Kreativen Machers. Eine Idee ist ein kollektiver Prozess, abhängig von den Menschen, mit denen ( und für die ) man arbeitet, von den Bildern und Büchern und Filmen, die uns prägten. Womit wir fast wieder in den Zeiten vor der sixitinischen Kapelle wären, in den Zeiten vor der Reformation, als ein Künstler nichts als der Pinsel Gottes war, in den Zeiten, als die Katholische Kirche ohnehin Top of Mind war und keine künstlerischen Prominenz zu ihrer Aufwertung brauchte.
Für den Werber als kapitalistischen Konsumbeschleuniger kein schlechter Akt der Demut.

Hintersinnig natürlich auch, denn Michael Schirners letztes großes Projekt war eine Fotoausstellung, die das Verschwinden der gelernten Sensation zum Thema hatte.
In minutiöser Kleinarbeit wurden die Pressefotos, die jeder kennt, von ihrer Hauptsache befreit: Lenins Rede ohne Lenin, die Landung in der Normandie ohne Soldaten, die Ermordung Martin Luther Kings ohne Martin Luther King.

Durch das Weglassen entsteht Platz für Neues. Eine aufwendige Übung für den Bildbearbeiter, aber eine wichtige Exerzicie für den Geist. Weglassen und wegwerfen, wichtiger denn je.
Thank you for being in Vienna, Michael.

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