Die Philosophie im Boudoir

Ich geh ja so gern in Renate Christians Boudoir, weil man erfährt ja so viel über sich und die Welt, wenn man über das nachdenkt, was einen verführt. Oder, besser gesagt, weil man darüber ins Denken kommt, warum man vor Verführungen so eine übergroße Angst entwickelt, so dass die Abwehr dieser Verführung einen Tag und Nacht schmerzhaftest beschäftigt hält.

Heute war Prof. Burkhard da und hat inmitten der nachgebenden Schaumstofforgie von Josef Trattner über Kitsch und Tratsch gelesen.
Das erstere und der letztere haben die Aufgabe, Information zu vernichten, sagt Burkhard.
Weil man wirkliche Information, was nichts anderes ist als Unterschied, nicht wirklich aushält. Man hält das Neue oder die Unterschiede nicht aus.

Was soll ich sagen: man kam sofort ins denken. Warum darf Wissenschaft nicht emotional sein? Warum untergrub man Adolf Loos „Ornament und Verbrechen“, weil man ihm eine persönliche Feindschaft zum ornamentalen Hoffmann unterstellte? Warum diskreditiert man Leidenschaften als Kitsch? Emotion istgleich Lüge, sagt der Anti-Kitsch, deshalb darf man bei einem Waldspaziergang nicht sagen: „Ich liebe Dich“. Die Wahrheit sind heute irgendwelche Hormone, die bei Sonnenlicht durch schattige Eichen ihre Schatten auf den Waldboden werfen und die dann, weil man nicht „ich liebe Dich“ sagen darf (weil emotional und uninformativ und kitschig) ein Eigenleben als Schimären und Simulationen zu leben beginnen, und der Simulant, so kennt es die freudbelesene Naturwissenschaft, erfindet dann notgedrungen die Krankheit, an die zum Schluß die ganze Welt glaubt. Aus Erleichterung, dass mal etwas nicht kitschig ist.

Ich kenn das ja auch, nicht nur von mir, sondern auch von meinen Gegenübern, dass anstatt Testosteron und Adrenalin, statt „Ich liebe Dich“ oder „Du bringst mich um“ dauernd Erkenntnis und Vernunft produziert wird, aber Professor Burkhard wollte sich nicht mit einer Küchenphilosophie abgeben. Kitsch kommt nämlich nicht von Kitchen, sondern von kitschen, im Schlamm spielen.

Das interessanteste waren die Gartenzwerge und die Gute Stube. Beides ist nicht ins französische übersetzbar. Die Gute Stube ist Kitsch pur aus Deutschland. Ein Ort, wo man nicht wohnt, sondern wo man nur reindarf, wenn Weihnachten ist, das Christkind kommt, der Staatspräsident oder die Meerjungfrau. Der tabuisierte Raum aus dem Märchen. Den kennen die Franzosen nicht, denn da gibt es keine Verschwendung von Zimmern, keinen Raum für Geheimnis, nur Vernunft, Descartes und optimale Ausnutzung der quadratmeter. Es gibt auch keinen Gartenzwerg in Frankreich. Der trägt zwar die phrygische Mütze der Revolution, ist aber doch suspekt. So klein, so häßlich, so mächtig. Phrygier waren high skilled Bergarbeiter, wenn die gestreikt haben, war alles aus. Klein wie die Pygmäen, trotzdem eine einzige Demonstration von Macht. Wollen die Franzosen nicht haben. Jetzt kommt man wieder ins Denken – warum geben sie ihre Kinder mit 2 in die Schule, die Franzosen? Warum sind sie nur an Status und Aufstieg interessiert? Warum lieben sie nicht ihre Frauen? Warum wollen sie immer an Vorabend der Revolution leben?

Die Gartenzwerge an den tschechischen Grenzen – jedes Kind weiß, seit 1990 lebt die tschechische Landbevölkerung von der Prostitution ihrer Töchter und Kinder. Überall, wo die Einfallstraßen aus Österreich und Deutschland nach Tschechien sind, sind überlebensgroße Gartenzwerge aufgebaut, um für Prostitution zu werben.
Die roten phrygischen Mützen, eine Nullinformation für Macht. Die verdeckte rote Armee. Ich danke dem Prof. Burkhard für die Informationen, und wünsche Ihnen einen schönen roten erste Mai.

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