Wintermärchen: Dresden, Berlin und Hopeless.

Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber.
Der Wind riss von den Bäumen das Laub,
da fuhr ich nach Deutschland hinüber…..

Ja, lieber Heinrich Heine: Ich bin erst im Dezember hinüber gefahren, und deshalb war es auch so viel schöner. Die J & J haben eingeladen zum Glühweinempfang in der Krausnickstrasse in 10115 Berlin, nach dem Motto „Die Legende kehrt zurück“.
Und so stieg ich vor dem 3. Advent mit Frau S. in den Nachtzug.
Und stieg zuerst mal in Dresden aus.

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Das ist der tote Martin Luther auf seinem Kissen. Von Lucas Cranach dem Älteren. Ich bin ja in derselben Stadt geboren wie Lucas Cranach der Ältere, nämlich in Kronach, und überall in der Welt gehe ich in Museen, um wie ein Kind zu staunen, was doch aus einem Kronacher alles werden kann.
Bitte, er hängt sogar im Metropolitan.

Und in Dresden. Ich bin ja ausgestiegen, um den Striezelmarkt zu besuchen und meine liebe Freundin Lena von Lapschina, die in Dresden zu einem Kunst&Technologie-Projekt eingeladen war. Da der Zug schon um 7 Uhr früh in Dresden war, war der Striezelmarkt entsprechend trostlos. Weil zu.

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Ernüchternd leuchtet das Punsch-Schild, aber Punsch gibts ja erst in Berlin. Die liebe Lena, die mich später aufgabelte, ist Frühaufsteherin und hatte für die Dresdner, die erst um 11 aus den Federn kommen, ein paar lustige Bezeichnungen erfunden. Trotzdem gibt es auch Positives zu berichten: Die Gemäldegalerie öffnet tatsächlich schon um 10. Hut ab vor den Dresdner Museumsdienern. Sie stehen offensichtlich schon um 9 Uhr auf.

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Das ist mein Lieblingsbild in Dresden. Es wurde „ursprünglich Caravaggio zugeschrieben“. Meine Güte, die Kunsthändler sind doch in jedem Jahrhundert gleich. Wer angesagt & teuer ist, dem wird gleich alles zugeschrieben. Eine goldenen Nase haben sie sich an August dem Starken verdient, denn das „Ursprünglich Tizian, ursprünglich Rembrandt, ursprünglich Holbein zugeschrieben“ hing unter jedem zweiten Bild. Egal, macht nix, die Bilder sind ja längst bezahlt. Und die Kunsthistoriker, die den Schwindel entlarvt haben, hoffentlich auch.

August hatte ja einen netten Deal gemacht: Er wurde König von Polen, um an die polnischen Steuergelder zu kommen, womit man dann die „ursprünglich Paolo Veronese, Tintoretto und Raffael zugeschriebenen“ Bilder kaufen konnte. Dazu musste er katholisch werden, weil die Polen sind da arg streng.

Die protestantischen Dresdner Bürger ( jahrelang haben sie alles von Lukas Cranach gekauft, der ja auch die Werbeagentur von Martin Luther war) haben sich dann mal um 14 Uhr zum Frühstück getroffen und beschlossen, ihrem nun katholischen König eins auszuwischen und die Frauenkirche zu bauen, den schönsten protestantischen Dom deutscher Lande. Der ja neu erstanden eine erstaunliche Karriere als Konzertsaal hinlegt.

Jedenfalls prima, Dresden. Ich hatte dann um 13 Uhr noch die Chance, auf dem endlich sanft erwachenden Strietzelmarkt einen Original Dresdner Stollen und noch viele Erzgebirgische Schnitzereien zu kaufen, aber davon Abstand genommen. Travel Light, dachte ich mir und fuhr stollenlos weiter nach Berlin.

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Und da hab ich nach langen Jahren wieder Frl. Andina getroffen. Younger than ever.
Und dann gab es den legendären Glühwein-Empfang in der Krausnickstrasse.
Der ist ein social event, das vielleicht am ehesten noch mit dem Rotkreuzball in Monaco zu vergleichen ist (wie mir einer der Veranstalter versicherte). Weh dem, der da nicht dabei ist. 77 Leute, habe die Ehre. Marianne war da, Gert und Ellen, und Thomas Mützel, der grade seinen neuen Roman veröffentlicht hat und mir in Windeseile noch eine formidable Hochsteckfrisur machte. Erst Haare auf halb sieben, dann auf dreiviertel elf, und dann Haarnadel rein. Hält bis zum Morgengrauen.

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Das ist der Beginn des Ausklang des Abends: Die Fiese Remise. Leider hat ein gastronomischer Tycoon die Fiese Remise verklagt, weil er sich die Remise als Gastro-Konzept hat schützen lassen und Remise ist Tabu. Die Fiese-Remise-Crew hat gekontert, indem sie die Fiese Remise in „Fiesere Mise“ umgetauft hat. Ursprünglich wurde das Konzept Caravaggio zugeschrieben….

Mein Caravaggio holte uns traurige Reste des allzu kurzen Glühweinempfangs dann auch ab und fuhr mit uns ins Berliner Nachtleben. In den Festsaal Kreuzberg. Wir bekamen ein Konzert der „Sterne“ vorgesetzt, sowie mehrere Wochenrationen Jägermeister und einen Mutzenburger.

Ja, fragt ihr Euch, was das nun wieder ist. Ein Mutzenburger. Irgend ein Tiroler Koch und ein Berliner Brain haben sich zusammengetan und mit einer unglaublich gutaussehenden Elli ein Restaurant-Konzept namens Mutzenbacher zusammengeschustert. Ja, nach Josephine Mutzenbacher, einer der lebendigsten Romanheldinnen Wiens. Ein sehr lesenswerter Roman. Erstens wegen der schlüpfrigen Stellen. Zweitens wegen der sozialen Pornographie – nirgendwo bekommt man die menschlichen Desaster des Wiens von 1904, der damals viertgrößten Stadt der Welt, so saftig präsentiert. Und drittens hat Felix von Saldern, der Mutzenbacher-Autor, dann noch „Bambi“ geschrieben. Und sozusagen den Grundstein von Disneys Imperium gelegt. Ich hoffe, die Mutzenbacher Restaurant-Kette hat eine ähnliche Erfolgsstory vor sich, weil der Mutzenburger doch sehr gut schmeckt. Bosna, geröstete Zwiebeln, Sauce Tyrolienne und selbstgebackenes Brot erster Güte.

Das Konzert der „Sterne“ im Festsaal Kreuzberg war super, die Fotos leider zu dunkel. Wir haben alle mitgesungen „Was ist da los, was ist passiert ? Was hat Dich nur so ruiniert ?“
Irgendwann war mein Caravaggio weg, vermutlich auf der Suche nach einer anderen Prinzessin oder nach Muntermachern – ja, Berlin, you know, und wir drei Sterne-Fans mussten heimgehen. Absteigen in die U-Bahn Kottbusser Tor. Nachts um 4 in den schmutzigen Schlund des Kotti. Nicht schlüpfrig, sondern mürbschmutzig. Ja. Tiefer kann eine Prinzessin nicht sinken.

Und dann musste ich noch anderntags mit einem Jägermeister-Kater nach Hopeless fahren. Mir bleibt nix erspart. Aber gottlob haben wir Kunst und Künste. Wo war ich stehengeblieben ?
Bei Heine. Wintermärchen.
Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, ich kenn auch die Herren Verfasser. Ich weiß, sie tranken heimlich Wein, und predigten öffentlich Wasser.

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