Hotel Strindberg: Ein Verriss.

Gestern war ich im Akademie-Theater. Ich wohne da ums Eck und Nachbarschaftspflege ist mir durchaus ein Anliegen. Zu Beginn böse Omen: Die Karte kostete fürchterlich viel Geld und man drohte mit 5 Stunden Spieldauer. Man setzte mich ins Parkett neben einen unglaublich gut aussehenden Mann, der die ganzen 5 Stunden lang seine Tinder-Matches checkte. Ich bedauerte sehr, das Telefon zuhause gelassen zu haben (vermutlich hab ich wieder so einen Artikel über Smartphone-Diät gelesen, ich bin leider so unglaublich leicht beeinflussbar….)

Nun, mit Hotel Strindberg – wie mit allen Skandinaviern – ist das so eine Sache. Hamsun, Ibsen – erst am Montag war ich in einem Ingmar Bergmann-Film. Man kann von den Nordlichtern nicht erwarten, dass einem die Laune gehoben wird. Vielleicht geht man nur zu Strindberg, um danach froh zu sein, dass es einem etwas besser geht: Keine Partner, Freunde und Verwandte, die einem dauernd ihren Hass ins Gesicht bellen.

Tatsächlich begann es super: ein megalomanisches Bühnenbild – wie Noras Puppenhaus, würde ich mal sagen. Parallel-Geschichten, verwoben wie ein Reigen. Bewegungen. Witzige Selbst-Erkenntnisse. Humor. Drive. Tempo. keine Sekunde Langeweile. Das digitalisierte Zeitalter durfte mitspielen, endlose Monologe auf Mailboxen, Hoffnung auf Fremdgehen-Portalen, etc. Vor allem Caroline Peters als Grande Dame und Martin Wuttke als bösartiger Spielverderber ließen die Hoffnung auf einen großen Abend keimen. Der Nachbar legte sein Tinder-Phone unter den Oberschenkel.

Nach der ersten Pause wurde es strindbergerischer, hoffnungsloser, verzweifelter. Aber auch das war noch auszuhalten. Die ewigen Dritten, die sich immer in eine Zweierbeziehung mischen, wenn doch gerade eine prekäre Balance erreicht wurde. Der Nachbar zog das Phone wieder unter dem Oberschenkel hervor.

Doch leider, leider gingen wir beide in den letzten Teil. Es war schon 22 Uhr, als das Stück aus den Latschen kippte. Warum wissen die Leute nie, wann man aufhören soll?

Das ist wie mit den betrunkenen E-Mails, die man nächtens schreibt, wenn einem eine Laus bzw. zu viele Wodkas über die Leber gelaufen sind. Weil man seinen Selbsthass nicht mehr erträgt, ergießt man ihn über jeden, der gerade auf der „ungelesen“-Liste steht.

Zum Glück mache ich das dieses Jahr nicht mehr, ich hab ja ein Stickbild von Cordula bekommen. Das hängt über dem Computer und mahnt mich zur Milde.

Vielleicht hätte sich Simon Stone auch so etwas über den Regie-Sessel hängen sollen? „Never hate a play“. Denn was nach der zweiten Pause kam, war nur noch peinlich. Vor allem der arme Herr Wuttke. Der musste sich bis auf die Unterhose ausziehen und 1 Stunde lang irgend einen belanglosen Satz brüllen wie ein Geisteskranker in der Zwangsjacke. Das war völlig unplausibel und durch nichts zu rechtfertigen. Außer, dass vielleicht Herr Stone das Stück zerstören wollte. Ich ärgere mich jedesmal über die Stefanie-Reinspergerisierung des Theaters. Was soll das ewige Geschrei und die ewige Unterhose? Es ist langweilig, dumm und zum Fremdschämen.

Fazit: Ich empfehle jedem Hotel Strindberg bis zur 2. Pause. Dann lenke man seine Schritte in den Gmoa-Keller oder in das dahinter, in der Traungasse, liegende Gasthaus Herlitschka. Wer auch so eine teure Karte hatte, dem kommt vielleicht der Würstelstand am Schwarzenbergplatz gelegen: das 4 Gänge-Menü ( Käsekrainer und 3 Ottakringer für € 11,99) Ja, Nachbarschaftspflege ist mir durchaus ein Anliegen.

 

 

 

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