Kleine Nachtkritik

Madame Butterfly ist sicher die trostloseste Oper der gesamten Opern-Literatur. Die melodische Vielfalt ist begrenzt, kein Opern-Hit jagt den anderen, für Tenöre gibt es wenig zu tun, im Gegensatz zu anderen Puccini -Meisterwerken, und die Story ist zum Heulen. Da geht man nur hin, wenn man ohnehin deprimiert ist. Wenn es jemandem noch schlechter geht, strafft man die Schultern und schaut auf das Gute, was einem – im Gegensatz zu Madame Butterfly – im Leben so widerfährt.

Uns widerfährt gerade eine Virokratie, und ich muss sagen, bei all dem Scheißdreck und dem Starren auf Infektions-Zahlen: Opern-Geher sind echte Corona-Gewinner! Der Stehplatz für 10 Eulen ist jetzt bestuhlt! Nicht mit harten Thonets, sondern üppigst weinrot gepolstert. Danke, Oper. Sie spielen mit 50% Auslastung und sind super drauf. Doppelt soviele Arbeitsplätze, weil vor jeder Klo-Kabine eine Corona-Beauftragte auf den Schutz schaut. Die Inszenierung von Herrn Minghella ist m.E. etwas überladen, der wollte wohl jede Text-Zeile bebildert wissen. Schön, wenn ein Regisseur das Textbuch liest, das ist ja nicht selbstverständlich. Dennoch muss man nicht jeden Schmetterling, jede Kirschblüte, jeden Hügel, jede Träne abbilden und das noch 1000fach spiegeln.

Großartig war allerdings die Idee mit der Puppe. Das Kind ist eine japanische Puppe, mit amerikanisch blonden Haaren. 3 Puppenspieler bewegen es. Es springt jedem Mann auf den Arm. Auch beim nicht endend wollenden Schluss-Applaus. Das Kind ist das Leben und der Tod von Madame Butterfly, ein Sohn, und er springt jedem Mann auf den Arm. Das war schön. Das hat mich zum Denken gebracht. Danke, Oper.

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