Kunst & Kopenhagen.

Nach den unerquicklichen Auswüchsen der Opfer- & Dilettanten-documenta wollten wir unserem sensus aestheticus ein paar Streicheleinheiten verpassen, wir kamen deshalb einer Einladung zur Kunstmesse Chart in Kopenhagen nach. Das Beste an dem Festival waren zweifellos die Pavillons im Hof von Charlottenborg.

 

– filigrane Gebilde aus Holzplättchen, Zeitungen, sogar ein Tempel aus Ikea-Sackerln – temporäre Wunderburgen, zum Staunen und sich freuen. Sogar eine Algen-Burg war dabei. Und wie alles in Kopenhagen umweltfreundlich, sustainable & organic. In solcher Umgebung packt mich immer das unwiderstehliche Verlangen nach McDonalds-Fritten, einem alten Diesel-Mercedes und dutzendweise Plastiktüten.

Parallel zur Chart – wo nur skandinavische Galerien zugelassen waren – gab es eine neue Messe, die Code Art Fair. Im Messezentrum Bella Sky. Tolle Wiener und Berliner Galerien waren vertreten, und am besten hat mir eine Arbeit von Dierk Schmidt gefallen.

Es geht dabei um die Rolle, die IBM beim Holocaust spielte. Messerscharf dargelegt und phänomenal gezeichnet. Wir werden vermutlich auch alle von unbemannten Drohnen erledigt werden, die SAP’s und IBM’s dieser Welt sind ja auf dem besten Weg dorthin.

 

Kopenhagen ist wohlhabende Boomtown, es wächst und gedeiht, die Chinesen praktizieren ihr Land Grabbing und durch die neuen Brücken gibt es einen regen Tourismus aus Schweden. 30 min braucht der Zug von Malmö nach Kop, er pendelt die ganze Nacht hindurch, wie wir von unseren schwedischen Tischnachbarn im Noma (under the bridge) erfuhren. Das beste Restaurant der Welt residiert gerade unter einer Brücke, neben den Obdachlosen, wo man dann Bahndamm-Kräuter, Kohl aus Supermarktabfall und in Öltonnen gebratenen Kabeljau bekommt. Das klingt vielleicht irre aufregend und dekadent, ist aber leider mit den üblichen Gutmenschen-Etiketten versehen: Umweltfreundlich, sustainable and organic.

Das Noma bereitet ebenfalls eine Art Land Grabbing vor: Sie ziehen demnächst an den Rand des Freistaates Christiania. Wir bekamen vom Postminister Christianias eine Führung durch den Status Quo des 1971 gegründeten Lebenskunst-Projektes und waren hin- und hergerissen : Die Mitwelt will nicht ernsthaft, dass unbelehrbare Romantiker ein Happy End finden. Nach der Legalisierung in 2011 wuchern hier nicht mehr die Ideen, sondern bureaukratie und Hilflosigkeit. Doch Hoffnung stirbt zuletzt: Mögest Du lange gedeihen, wie mein Kopenhagener Lieblingskunstwerk: André, das Totem Tier von Christiania. ein Ameisenbär, benannt nach André Breton.

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