Lesen Sie, Ganghofer, lesen Sie!

Und so schleuderte uns Herr Professor Arneth die Bücher auf den Tisch. Wir waren im Kurbad Arneth vom 16. bis zum 19. Lebensjahr, im Kaspar-Zeuß-Gymnasium. Der uns erziehende Herr Arneth – weil Eltern gar nicht geeignet und höchst dubios – war unser Deutschlehrer, und er hat uns immer angestarrt und gedroht: „Lesen Sie. Sie werden nie wieder Zeit zum Lesen haben. Außer jetzt.“

Aber sagen Sie dass mal Pubertierenden. Links rein, rechts raus. Pop Music und Drogen von den Amis, das war das Gebot der Stunde… Die einschüchternden Sätze: „Lesen Sie jetzt, Sie werden nie wieder Zeit zum Lesen haben…“ hab ich natürlich über alle Hormon-Schübe hinweg gerettet. Liebe, Schwangerschaft, Elternschaft, egal. Ich werde immer Zeit zum Lesen haben. Man muss Prioritäten setzen. Bügeln? Einkaufen? Kinder in den Park bringen ? Steuererklärung? Liebesnacht feiern ? Honorarnoten schreiben ? Nö. Lesen.

40 Jahre Matura. Wir waren ein Pilot-Projekt, mit Leistungs-Klassen. 5 traditionelle Klassen in eine geführt. Insgesamt 102 Abiturienten. Die Hälfte davon hier.

Grad entdecke ich Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit. Herr Arneth, wir glauben, dass Sie noch am Leben sind. Jahrgang 1929. Hut ab. Aber ich schreibe Ihnen morgen: Ich hätte nie und nimmer Friedell kapiert, als ich 17 war. Manchmal muss man warten und die Zeit für sich arbeiten lassen.

1970 und der schreckliche KRIEG war schon 25 Jahre vorbei. Unsere Eltern haben nichts unversucht gelassen, damit wir davon nicht belastet werden. Natürlich umsonst.

Regina Moos sitzt unten, zweite von rechts. Sie hat 40% der Mädchen zum Abitur gebracht, wegen ihrer tollen Nachhilfe in Mathematik, Latein, Physik und Französisch. Margit ist immer da, mein Cousine, aber ich weiß nicht mehr, wie sie aussieht. Im ersten Jahr Gymnasium gab es noch eine reine Mädchenklasse. Im 2. jähr kamen wir schon mit den Tschirnern zusammen.Ich hab heuer Elfi Stark gefragt, warum Tschirn so viele Mädchen und Jungs ins Gymnasium geschickt hat. Sie hat mir gesagt, das es der Lehrer war. Der Lehrer wollte, dass sie sich bilden.

Deshalb waren auf dem Kronacher Gymnasium plötzlich 30 Leute aus Tschirn. Deshalb war ich auch da – mein Volksschullehrer hat mich auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet. Er wollte das. Er war in den letzten Kriegsjahren in Athen, und ist entkommen. Erzählte immer davon, wie er – mit 17 – einem Griechen Brot gab, Und der daran verreckt ist. Der Herr Arneth – sein Vater war Taubstummen-Lehrer in Bamberg, hat uns aufgetragen, zu lesen. Ich schreib ihm morgen. Er lebt noch.

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