Monopole di Stato

Wieder einmal in Venedig gewesen. Zeit, über den Tourismus zu reflektieren. Wenn ein Syrer Tapetenwechsel braucht, hat er es nicht so einfach wie wir, die wir uns kurzentschlossen ins Auto setzen und piazzale di roma ins Tomtom tippen. Und dann sind wir plötzlich entsetzt, weil wir nicht als einzige auf diese Idee gekommen sind. „Können Sie uns ein Lokal nennen, wo keine Touristen essen, nur Einheimische“ fragt die Touristin die air-bnb-Tante. Die zögert natürlich mit der Antwort, denn wir sind ja keine Einheimischen. Wir könnten in wenigen Minuten eine ordentliche venezianische Osteria in eine verneppte Touristen-Schwemme verwandeln.

Unbenommen ist, dass Tourist-Sein eine Bürde bedeutet. Dauernd möchte man keiner sein. Man verleugnet sich selber und schämt sich für sich und die anderen. Ich habe das schon lange aufgegeben, ich schreibe nämlich höchsttouristisch Ansichts-Karten. 3 Freunde von mir haben im März Geburtstag, warum nicht aus Venedig gratulieren? Die Stadt ist voll von Ständen mit Ansichtskarten – ein charmanter Anachronismus in Zeiten, wo man bei jeder Reise gleich eine Facebook-Selfie-Orgie ins Netz stellt.

Flugs waren Postkarten mit geschmackvollen Venedig-Motiven gekauft. Und Briefmarken, Francobolli, sagt man mir, bekomme ich im Tabacchi-Laden.

Kurze Zeit später habe ich auch diese erhalten, nebst einem 4-seitigen Flyer, wie man die Francobolli anzuwenden hätte. Ja, denn die Briefmarken, die man im Tabacchi ersteht, sind keine der italienischen Post. Friendpost, so heißt das Unternehmen. Eine Gründung von Swiss Post und Poste de France. Sie beherrschen den venezianischen Ansichtspostkarten-Markt total. Zunächst fällt auf, dass die Marken keinen Wert haben – es steht kein Preis drauf. Dann entnimmt man dem Flyer, dass man die geschriebenen Ansichtskarten auf gar keinen Fall in die roten Briefkästen der italienischen Post schmeißen darf. Nur in gelbe Kästen der Friendspost. Auch war eine Venedigkarte auf dem Flyer, mit genauer Lage der gelben Briefkästen der Friendpost.

Stunde um Stunde versank unwiederbringlich im Meer der Zeit, während ich die Stadt auf der Suche nach gelben Briefkästen durchkämmte. Endlich half mir ein pakistanischer Ansichtskarten-Verkäufer und zeigte mir eine Art gelben Schuh-Karton, die Out-Box der Friendpost. Nicht sehr Vertrauen erweckend. Ich erkundigte mich, ob der Schuh-Karton denn überhaupt jemals geleert würde. Ja, wurde ich beruhigt, einmal in der Woche käme jemand vorbei und würde die Karten abholen. (Um sie in einem Mülleimer zu entsorgen, nehme ich an).

Tags drauf bekam ich Lust auf italienische Zigaretten und besuchte abermals ein Tabacchi. In Italien rauche ich MS, das ist die Abkürzung für Monopoli di Stato. Rauchwaren waren Staatsmonopol, eine vernünftige Geldeinnahmequelle des Staates. Damit konnte er Ungereimtheiten in der Post-Bilanz ausgleichen. „Monopoli di Stato“ verlangte ich forsch vom Tabacchieri. „Finito“ antwortet der. „Kaputt“. „Aber da stehen sie doch….“ ich deute auf die lange Reihe MS in gelb, rot und weiß.

Ja, aber kein Monopol mehr. Genauso wie die Briefmarken. Ausverkauf. Ich werde ein Auge darauf haben, ob und wann die Ansichtskarten ankommen. Ich werde berichten.

 

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