#people@theopera

Vergangenen Sonntag ist ein großartiger Ring-Zyklus hier in Wien zu Ende gegangen und ich muss Jürgen M. in Berlin davon berichten. Er schreibt den Blog #peopleattheopera, betörend schöne Geschichten, warum Leute in die Oper gehen. Im Stehplatz Parterre traf ich diese beiden Geistlichen – in der Götterdämmerung! „Ich und meine Schwester, wir sind beide aus Musiker-Familien, wir lieben Wagner. Wir lieben alle Musik“! Der Herr ist aus Österreich und arbeitet als Priester in Rom. Seine Schwester kommt aus Kroatien und ist Franziskanerin in Wien. Die beiden waren hinreißend zu beobachten: glücklich, gut gelaunt und höchst aufmerksam. In der Pause meinte die Dame zu ihrem Bruder: „Nein, ich will jetzt keinen Kaffee. Ich hätte viel lieber ein lustiges Getränk“.

Logo. Ich hatte ja auch ein lustiges Getränk, im Vorfeld schon besorgt.

Hier bin ich in der ersten Pause, es war ein herrlicher Frühsommertag und ich hatte mir bei Lieblingskunde Trzesniewski eine solide Grundlage besorgt: Brötchen und Sekt. Ich war ja schließlich auch auf Stehplatz Parterre. 5 Stunden auf Stehplatz, da braucht man eine brünhildenfelsenfeste Grundlage. Mit der Askese hab ich noch nie eine engere Beziehung unterhalten. Ich liebe die Staatsoper ob ihrer demokratischen Preispolitik. Die Oper fasst gut 2000 Menschen. Die Hälfte davon zahlt richtig viel, so zwischen 80 und 300 Eulen. Die andere Hälfte zahlt fasst nichts. Der Stehplatz Parterre kostet € 4.-, die anderen € 3,50, und es gibt 600 davon. Dann gibt es noch etwa 400 Plätze mit Sichtbehinderung, zum Beispiel die in den 2. und 3. Reihen der Logen. Die zahlen € 12,50. Oper für alle ! Ganz im Sinne Richard Wagners, der einstens bei der Revolution in Dresden geschrieen hat: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Musikdramen! Also, ich hab nachgerechnet, es war vielleicht meine 30. Götterdämmerung. Man soll ja jedes Jahr in eine gehen, weil – jedesmal erlebt man eine völlig neue Oper. Man hört andere Synkopen und andere Instrumente und erlebt verwandelte Geschichten. Es ist jedesmal ein jungfräuliches Ereignis, vom Zauber des Anfangs geküsst.

Übrigens hat das Foto von mir der junge Mann da gemacht.

Ich war so angetan von seinem silbernen Abendkleid, dass ich ihn fotografieren musste. Als ich das Kleid lobte, „Out of Space, die Außerirdischen kommen zur Götterdämmerung“,  schmunzelte er und erzählte mir, dass er sich einigermaßen deplaciert fühle. In Bayreuth trägt man zur Götterdämmerung traditionell einen Frack mit schwarzer Fliege. Weil Siegfried ja stirbt und da ist festliches Trauergewand Pflicht. Er erzählte mir noch, dass er in Bamberg studiert habe, mit den Franken allerdings nie warm geworden sein. Ich habe ihm das größte Verständnis entgegengebracht, schließlich bin ich ja aus Franken. Ich bin so froh, dass ich da nicht mehr bin, sondern in einer Stadt mit Oper. Man nimmt Schreckliches in Kauf, schlechte Luft, unbezahlbar Mieten, stundenlang wandern, bis man einen Baum zu sehen bekommt, aber die Oper macht ja alles wieder wett. Ach ja: Adam Fischer hat großartig dirigiert. Die Frau Theorin, die ja den ganzen letzten Akt bestreiten musste, hat eine lyrische Stimme, keine laute. Herr Fischer hat seine Bläser so zurückgenommen, dass sie wunderbar Gänsehaut erzeugen konnte. Und dann kam das Ende…. wenn keiner mehr singt und nur noch die Streicher und Harfen regieren…

Wir haben geheult wie die Schlosshunde. Das ist das Äußerste, was man von einer Götterdämmerung erwarten darf.

 

 

 

 

 

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