Tabata-san.

Welch Glanz in meiner Hütte: Tabata-san ist zu Besuch. (Hütte ist ein kultiviertes Wort für eine elegante Sieben-Zimmer-Wohnung in Wiens lifstyligster Straße, der Schleifmühlgasse) Tabata-san ist culture editor bei Harper’s Bazaar in Tokio, Japan. Sie interviewt Leute wie John Malkovitch, wenn er grade mal Klimt mimt. Sie trinkt ab und zu Tee und ißt wie ein Vögelchen – das weiß ich von dem amerikanischen Plastik-Rotkehlchen, das mir Wolf (aus Düsseldorf) geschenkt hat, das ist nämlich ein Bewegungsmelder. es steht in der Küche auf dem Mega-coolen Eiskasten von Tanja Star Busmann, und jeder, der sich in der Küche bewegt, oder das Licht ein- oder ausschaltet, löst ein Zwitschern aus. Tabata-san hat das noch nicht vermocht.

Jedenfalls ist der Besuch sehr interessant. Es ist ja überhaupt toll, eine 7-Zimmerwohnung zu haben, weil man dann ein B&B eröffnen kann: eine Bed or Breakfast-Pension. Frühstück hat noch keiner gewollt. Und falls mal einer kommt: in der grünen Kiste ist Toast und im Eiskasten befindet sich meine legendäre Weichselkonfitüre aus Kronach, im Frankenwald. Aus Kronacher Weichseln in Kronach gekocht. Und das gibts alles mitten in Wien. Ein B&B ist fein, wenn man nicht dauernd ausgehen will, aber trotzdem Lust hat, neue Leute kennenzulernen. Die kommen dann einfach ins Haus geschneit und man ist enchanté. Mein berühmtester Gast war übrigens Ye Ting Fang, das war der Mann, der Kafka ins Chinesische übersetzt hat. Er hat früh um 7 das Rotkehlchen zum Zwitschern gebracht, weil er Schweinskopf gekocht hat. Die Chinesen scheren sich nicht viel um Tageszeiten, wenn sie Mittag essen wollen.

Ich hab versucht, redlich Konversation auf Deutsch zu machen, aber ich hab nie gewußt, ob er etwas verstanden hat. Eigentlich hab ich seither den Verdacht, dass er Kafka überhaupt nicht übersetzen konnte. Wahrscheinlich hat er selbst den ganzen Kafka neu erfunden. Aus Gregor Samsa wurde Gregory Peck. Aus K. wurde Karl May. Vielleicht denken die Chinesen, Kafka war sowas wie Rosamund Pilcher. Oder wie Winnetou. Was nicht ganz von der Hand zu weisen ist, weil ja überall große Märkte von kognitiven Dissonanzen wollen bedient sein….

Tabata-san ist natürlich über all das erhaben, sie war bloß von zweierlei Dingen völlig überfordert: erstens die Raumhöhe von 3, 80 (No, that is not Schönbrunn, that is common) und zweitens, dass es kein Harpers Bazaar Austria gibt. Not even Harpers Bazaar Germany. Ich hab sie getröstet, dass es hier nicht um Quality geht, sondern um Bi-Ba-Business. Wenn ich meinen Publizistik-Studenten beibringen möchte, dass die emazipatorisch-demokratische Presse eine Illusion ist, lasse ich sie immer Vogue copyanalysieren. Sie finden dann folgende Realität: 70% Anzeigen, 15% bezahlte PR, 5% Name-dropping (damit man bezahlte Anzeigen bekommt) 10 % Eigenwerbung (wie sehr man doch um die Steigerung des Stils bemüht ist und sich abkämpft, damit weiterhin Kultur stattfinden kann.) Diese Copy-Analyse, für die ich die Studenten dann immer sehr lobe, kann auf alle anderen Zeitschriften dieses und jedes anderen Landes projeziert werden.

Also: Tabata-san, bitte schreib in Harpers Bazaar, dass hier ein großer Market ist und dass sie bitte die Vogue ein bißchen in Bredouille bringen sollen, weil sie ein H.B Europe launchen.
Die träumende Welt wartet nur auf Harper`s Bazaar und auf ein Lifestyle-Giganten-Battle…

 

Das ist Tabata-san (rechts) mit Mana-san (links) auf Romanas Badeschiff am Donaukanal. Frühmorgens, 22.08.06. Ich weiß nicht, ob Tabata-san über mich schreibt, aber ich schreib mal prophylaktisch über sie.

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