Von Ochsen- und Engelszungen.

Zum Jahresende gibt es noch eine vollmundige Besprechung Wiener und Berliner kulinarischer Gepflogenheiten. Bei uns Wienern gab es Weihnachten Zunge. Weil selten und köstlich. Dazu günstig und hilfreich beim Singen. Tochter Zion, Oh Du fröhliche, etc. – ohne Zunge läuft da nix.

Die gute Firma Radatz war leider nicht in der Lage, eine gepökelte zu liefern, sondern nur eine höchst appetitliche frische. Doch selbst ist der Weihnachtsmann: Alle Zutaten zum Selber pökeln hier im Bild. Weil von Freitag bis Sonntag natürlich keine Zunge durchpökelt – sie braucht 4-6 Tage dafür – behelfe ich mich immer mit der Einwegspritze. Damit wird die Pökel-Lauge ins Innere der Zunge befördert. Ich fühle mich wie ein kreativer Unfallchirurg, der verstreute Gehirnlappen nach dem Zufallsprinzip zusammennäht.

Weihnachten war alles bestens, wir sangen mit Clemens Unterreiner in der Dorotheerkirche und dann zündelten wir am Christbaum und züngelten an der Waage. Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr verbringen wir auf dem Sofa, mit Keksen oder Butterbrot mit Zunge. (Ein Dank an Franzis Cumberland Sauce). Zunge ist so unglaublich sättigend.

Und dann kam der Besuch aus Berlin. Gottlob, denn fast wäre die Reise an Krankheit gescheitert. In der Krausnickstraße im vornehmen Berlin-Mitte gab es nämlich dieses Jahr zu Weihnachten Austern. No na!

Die Austern wurden von Schweizern gekauft, die dafür einen Umweg nach Frankreich in Kauf nahmen. Der Umweg betrug 80 km, aber dafür erhielten sie 72 Austern für 44.- Eulen. Pro Auster 61 Cent. Ja, da lacht des Berliners Herz!  Hat er als Hartz-4-Empfänger doch wieder einen bretonischen Fischer und einen Lyoner Fischhändler um den Mindestlohn gebracht. 12 der 14 Weihnachtsgäste lagen danach 3 Tage im Bett, und über der Kloschüssel. Vorne und hinten versuchten die malträtierten Körper, die französische Billigauster wieder loszuwerden. Die ja noch nach dem Kauf 1200 km über deutsche Autobahnen geschaukelt wurde. Ohne Eis-Bett, selbstverständlich, weil sonst wird ja das Auto nass.

Somit: Decadance, se vive! Irre verirrte Zunge, jederzeit, aber Austern isst man nur ab  € 3.- pro Stück oder aufwärts. Fin de Claires sind die besten, die man in Europa bekommen kann, im Pazifik gibt es andere Arten. Austernkunde hier.

Mein Tipp: man muss nicht 72 Austern essen. Eine oder  zwei reichen völlig. Für mich, für Dich, für den Sozialhilfe-Fall, den Mindestrentner, den Totalverweigerer, den Flüchtling, den Galeristen, den Künstler und den Beamten, der den Stipendien-Antrag bearbeitet.

Austerity, ein von den harten, genügsamen Austern entlehntes Substantiv bedeutet selbstauferlegte Sparsamkeit, Askese, Sparpaket und Sanierungsprogramm. Möge Euch Berlinern W`2017 eine Lehre sein.

 

 

 

 

 

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