Von Porto nach Austerlitz

Eine Reise, ein Auftrag: Portugal besetzen.
Die UMO braucht schließlich jeden Quadratmeter. Die Ryan Air, der Flixbus der Lüfte, brachte mich nach Porto und ans Meer. Im Gepäck: G.W. Sebalds letzter Roman. Ein eigenwilliger Reisebegleiter, perfekt für das Land der unbegrenzten Melancholie.

Austerlitz hielt mich nicht davon ab, mich gleich dem nächsten Mann an den Hals zu werfen. Ein weiterer eigenwilliger Reisebegleiter, der allerdings ortskundig ist.

Porto. Welch schöne Stadt. Die Eiffel-Brücke über den Douro. Die mächtige Kathedrale mit ihren 1000 Stufen. Oder der Bahnhof!

 

Warum baut man heute so häßliche Bahnhöfe? Es ist ja nicht so, dass man kein Geld hätte – man hat bloß keinen Geschmack. Keinen Spirit. Keine Ehrgeiz. Keinen Schimmer. Von diesem Bahnhof kann man ans Meer fahren. Doch zunächst kosteten wir Portwein, betranken uns in Georgies Club, besuchten die Casa da Musica (von Rem Koolhaas) und aßen mit der lustigen, klugen Verena van der Niepoort Oktopus mit Zwiebeln, im Ofen mit einem Liter Olivenöl geschmort.

Am Meer, in Espino, kam ich im Austerlitz immerhin bis zu den uralten Papageien des Jugendfreunds. Immer tiefer tauchte ich in das dichte Gewebe aus diffusen Erinnerungen und unbeschreiblichem Schmerz, kein Zentrum des Ichs mehr zu finden. Ein Mann löst sich auf, er implodiert in Sehnsucht. Jetzt Gin Tonic bestellen. Lob der Winter-Saison: In dem Café mit Meerblick gab es einen Ofen und wir als einzige Gäste durften rauchen. Aufs Meer schauen.

Dann fuhren wir nach Lissabon, wo ich obige Besetzung gemacht habe. Job erledigt, jetzt kann man sich mit dem Land auseinandersetzen. Das Portugiesische, eine romanische Sprache, ist schriftlich gut zu verstehen. Jeder, der wie Sie und ich den Bellum Gallicum ohne Wörterbuch übersetzen kann, wird sich gleich zurecht finden. Eigentlich könnte ich Saramago, Ribeira und Pessao im Original lesen. (Muss ich aber nicht, bekomme ich vom eigenwilligen Reisebegleiter erzählt.) Doch das Portugiesische ist leider ohral, also gesprochen, überhaupt nicht zu verstehen. Es klingt etwa so wie das Chinesische, sch- und ch-Laute, aiweiwei-Singsang. Kein Wunder, dass die Chinesen sich in Portugal so wohlfühlen. Sie kaufen alles auf. Und machen Party.

Diese bunte Truppe ist aus der ehemaligen portugiesischen Kolonie Macao. Sie feiern mit großem Aufwand den Beginn des chinesischen Jahrs des Hundes. Hund bedeutet gute Geschäfte, treue Freundschaft und Leben im Luxus. Soweit gute Aussichten. Also glatt das Gegenteil von Austerlitz, dem ich vorher den ganzen Sonntag Morgen gewidmet hatte. Ich kam bis zu der Stelle, wo Jacques Austerlitz gerade am Gare d’Austerlitz herumirrt, suchend nach Spuren seines Vaters. Der schon 40 Jahre vorher in einer Gaskammer …  Das Fest fand übrigens auf dem Platz Martim Moniz statt, welcher mamiomisch ausgesprochen wird. Dahinter gibt es den Theater-Platz, mit der Bude voller Kirsch-Schnaps mit ganzen Kirschen drin. Vermutlich reise ich immer mit einem Buch, weil mich das Fremde mit einen derartigen Kontrollverlust bedroht,  dass ich es ohne Gegenstrategie nicht aushalten würde. In der sich langsam fragmentisierenden Erinnerung kann ich kaum mehr beurteilen, ob ich die Glücksgefühle dieser Tage dem Austerlitz, Portugal oder jemand ganz anderem verdanke.

Die Oper in Lissabon ist übrigens das blanke Desaster. Keine Vorstellung, den ganzen Februar.

 

 

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